BGH verhandelt in Leitentscheidungsverfahren über mögliche Erstattung von Online-Casino-Verlusten
Geschrieben von Yara Walter · 18.9.2026

BGH verhandelt in Leitentscheidungsverfahren über mögliche Erstattung von Online-Casino-Verlusten

Am 17. September 2026 fand vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe die mündliche Verhandlung im Verfahren I ZR 216/25 statt, bei dem es um die Rückforderung von rund 10.000 Euro ging, die ein Spieler zwischen 2020 und 2022 bei Online-Casino-Spielen ohne deutsche Lizenz verloren hatte, darunter auch Angebote von Tipico Games. Das Gericht prüfte in diesem Leitentscheidungsverfahren, ob die Verträge wegen des bis Juli 2021 geltenden Totalverbots für Online-Glücksspiel nichtig sind und ob Spieler daher Erstattungsansprüche geltend machen können.
Verfahrenshintergrund und rechtliche Ausgangslage
Das Verfahren betrifft Spiele, die in der Zeit vor der Liberalisierung im Sommer 2021 stattfanden, als Online-Casinos in Deutschland grundsätzlich verboten waren. Der Kläger machte geltend, dass die fehlende Lizenz die Verträge unwirksam mache und er seine Einsätze zurückverlangen könne. Der BGH hat bereits Hunderte ähnlicher Fälle anhängig, während in den unteren Instanzen Tausende weitere Verfahren ruhen. Beobachter notieren, dass eine grundsätzliche Entscheidung hier weitreichende Folgen für die gesamte Rechtsprechung haben könnte.
Einfluss des EuGH-Urteils vom April 2026
Im April 2026 hatte der Europäische Gerichtshof in der Rechtssache C-440/23 das deutsche Verbot vor 2021 als mit EU-Recht vereinbar bestätigt. Dieses Urteil in der Rechtssache C-440/23 lieferte dem BGH eine wichtige Grundlage für die Bewertung der nationalen Regelungen. Während der Verhandlung in Karlsruhe deutete sich an, dass die Richter die Linie des EuGH aufgreifen und die Spielerverträge als nichtig einstufen könnten, was Erstattungen ermöglichen würde. Die Argumentation stützt sich dabei auf die damalige Rechtslage und die fehlende behördliche Erlaubnis für die betroffenen Plattformen.
Mögliche Auswirkungen auf anhängige Verfahren
Ein positives Signal für die Klägerseite könnte Hunderte BGH-Verfahren und Tausende Fälle in den Instanzgerichten beeinflussen. Experten haben beobachtet, dass bereits jetzt zahlreiche Spieler auf Erstattung klagen und die Verfahren oft auf die Entscheidung in diesem Leitfall warten. Die Verhandlung selbst zeigte, dass das Gericht intensiv die Frage diskutiert, ob das Totalverbot tatsächlich zu einer Nichtigkeit der Verträge führt und welche zivilrechtlichen Konsequenzen daraus folgen. Daten aus den Gerichtsakten belegen, dass die betroffenen Verluste in vielen Fällen in ähnlicher Größenordnung wie die hier verhandelten 10.000 Euro liegen.

Die mündliche Verhandlung verlief mit detaillierten Ausführungen beider Seiten, wobei der BGH auch die europarechtlichen Vorgaben einbezog. Vertreter der Spieler betonten die Schutzfunktion des früheren Verbots, während die Anbieterseite auf die inzwischen erfolgte Legalisierung und mögliche Folgen für den Markt verwies. Das Gericht wird voraussichtlich in den kommenden Monaten eine Entscheidung verkünden, die als Leitlinie für vergleichbare Fälle dienen soll.
Rechtliche und praktische Konsequenzen
Sollte der BGH die Verträge als nichtig einstufen, ergeben sich daraus unmittelbare Rückforderungsansprüche für betroffene Spieler. Die Verfahren umfassen neben Tipico Games auch andere ausländische Anbieter, die vor 2021 ohne deutsche Lizenz tätig waren. Statistiken aus den Gerichten zeigen, dass die Zahl der Klagen seit der EuGH-Entscheidung deutlich gestiegen ist. Die aktuelle Verhandlung markiert damit einen zentralen Punkt in der Entwicklung der Rechtsprechung zum Online-Glücksspiel in Deutschland.
Conclusion
Die Verhandlung am 17. September 2026 beim BGH bildet einen wichtigen Schritt in der Klärung von Erstattungsansprüchen aus der Zeit des Totalverbots. Mit dem Rückgriff auf das EuGH-Urteil und der Prüfung der zivilrechtlichen Folgen könnte die Entscheidung weitreichende Auswirkungen auf bestehende und künftige Verfahren haben. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten, doch die Verfahrensführung deutet auf eine sorgfältige Abwägung der europa- und nationalrechtlichen Aspekte hin.